Land-News

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Samstag, 25. Februar 2017

Das Ende eines Pflaumenbaums

Sturmtief "Thomas" ist auch über unser Grundstück gefegt. Einer unserer alten Pflaumenbäume besaß nicht mehr die Kraft, dem Wind standzuhalten und stürzte um.
Der Baum hat lange nicht mehr getragen, auf seiner Borke siedelten Flechten, Moose und Pilze und jedes Frühjahr zeigen sich weniger Blätter. Ein sicheres Zeichen, dass bereits weite Teile abgestorben waren.
Vor einigen Jahren pflanzte ich eine Ramblerrose an seinem Fuß. Die Rose wuchs hoch hinaus und nutzte dabei Äste und Zweige als Kletterhilfe. In jedem Sommer strahlte der alte Baum im neuen Glanz tausender weißer Blüten und zog Bienen, Hummeln und Schmetterlinge an.
Dieser wunderschöne Blickfang ist nun fort. Wir haben die Ausläufer der Rose gekappt, den Wurzelstock ausgegraben und an den Fuß eines jungen Blutahorns gepflanzt, der bereits etwa sieben Meter hoch ist. Nun hoffe ich, dass die Rose nicht mit dem Pflaumenbaum ihr Ende gefunden hat, sondern neue Wurzeln bildet. Denn die weißen Blüten werden in dem roten Laub bestimmt wunderbar aussehen.
Der Pflaumenbaum dient den Hühnern jetzt als Sitz - und Kletterfläche. Unter seiner bröseligen Borke finden sie jede Menge Spinnentiere und Würmer.
Leider ist der Stamm beim Aufschlagen in der Mitte gerissen, so dass wir nicht viel von dem tollen roten Holz verwenden können. Ein paar Scheiben haben wir abgesägt. Die werden jetzt getrocknet und dann bearbeitet. Geschliffen kommen Maserung und Farbe erst richtig zur Geltung. Mal sehen, was wir daraus machen.







Dienstag, 14. Februar 2017

Die Falken sind zurück.





Jedes Frühjahr hoffe ich darauf, dass das Paar heil und gesund aus dem Winterurlaub zurückkehrt.
Vor einigen Tagen hörte ich die charakteristischen Rufe und wenig später nahmen sie ihre altbewährten Plätze unter dem Giebel und auf den Tannen ein.
Ich freue mich, dass sie da sind. Mal sehen, wie viele Küken sie in diesem Jahr in unserem Blumenkasten großziehen werden.

Donnerstag, 9. Februar 2017

Von den Hühnern habe ich in der letzten Zeit genug berichtet.
Heute gibt es hier von mir eine Leseprobe aus meinem Roman Discovery auf See .
Manche sagen, Zeitreisen wären out. Mag sein, aber ich lese sie nach wie vor gerne.
Die Vorstellung in die Vergangenheit zu gelangen, an einen Ort, den man aus Büchern kennt und Menschen zu treffen, von denen es allenfalls ein gemaltes Portrait gibt, finde ich reizvoll.
Denn auch wenn wir glauben, alles mögliche zu wissen aus dieser entsprechenden Zeitperiode, wäre es real sicher völlig anders. Ein echtes Abenteuer eben.
Genauso ergeht es meiner Heldin Ellen. Sie findet James Cook und das Leben, das er führte, so faszinierend, dass sie sich in ihrer Freizeit kaum noch mit etwas anderem beschäftigt.
Dann passiert das Unglaubliche und sie landet im Jahre 1776 auf seinem Schiff Resolution.
Und sie erlebt die Reise so ganz anders als sie sich vorgestellt hat.







Die Welt wird Traum, der Traum wird Welt.
Novalis


Wieso war es auf einmal so dunkel? Ellen tastete nach dem Lichtschalter. Aber ihre Finger glitten an einer feuchten, nach außen gewölbten Oberfläche ab.
Ein hämmernder Schmerz dröhnte in ihrem Kopf und sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Ihre Lider fühlten sich schwer an und es gelang ihr kaum, die Augen zu öffnen. Stöhnend drehte sie sich auf die Seite. Jeder Muskel ihres Körpers schmerzte. Ihr schien, als ob der Boden schwankte.
Ein Erdbeben! Eine Gasexplosion, durchzuckte es sie als Erstes. War das Haus eingestürzt und sie lag unter Trümmern begraben? Ihr Puls raste. Es kostete sie große Anstrengung, doch es gelang ihr schließlich, die Augen zu öffnen und so lange geöffnet zu halten, bis sie sich an das Halbdunkel gewöhnt hatten.
Das Rauschen aufgewühlten Wassers hallte in ihren Ohren. Sie lag auf einem Boden aus rauen Holzbrettern. Es roch nach Fisch und Tang. Dumpfes Dröhnen umgab sie und mischte sich mit dem Blöken von Schafen und dem Gebrüll von Kühen. Dazwischen glaubte Ellen, menschliche Stimmen auszumachen. Ihr Herz klopfte so laut, dass sie den Nachhall jedes Schlages in ihrem Kopf spürte.
Wo war ihr Bett? Ihre Wohnung?
„Amber“, flüsterte sie den Namen ihrer Katze. Wo war Amber?
Kaum hatte sie einen Gedanken gefasst, war er wieder verschwunden. Mühsam drückte sie sich vom Boden hoch. Spärliches Licht fiel durch Ritzen in der Decke und zeichnete ein Streifenmuster auf den Boden. Überall standen Kisten und Fässer, mit Seilen festgezurrt. Aufgewickelte Taue baumelten an Haken, dazu Netze, Werkzeuge und Segeltuch. Der Raum war vollgestopft davon. Ellens Herz stolperte. Ihr Atem ging hastig und unregelmäßig. Sie taumelte auf dem sich ständig bewegenden Untergrund und musste sich immer wieder an den Kisten abstützen, um nicht hinzufallen. Plötzlich erklang ein Pfeifton in ihren Ohren. Durchdringend und schmerzhaft schien er ihr Gehirn zu durchbohren. Mit einem Stöhnen sank Ellen wieder zu Boden. Sie rollte sich auf die Seite, presste die Hände auf die Ohren und schloss die Augen. Dabei betete sie stumm, dieser Albtraum möge vorübergehen. Wieder schwankte der Untergrund und sie rutschte mit dem Rücken gegen eine der Kisten. Dann versank alles um sie herum in Dunkelheit.



Den Rücken durchgedrückt und die Hände auf dem Rücken verschränkt schritt James Cook über das Deck. Er blickte in den Himmel, an dem sich Regenwolken ballten und den Himmel verdunkelten. Grauschwarz und undurchdringlich näherten sie sich dem Schiff. Sie brachten Wind mit. Erste Böen zerrten heftig an den Segeln.
Cook winkte Leutnant James King zu sich und gab den Befehl zum Aufentern. Sofort nachdem der junge Offizier die entsprechenden Anweisungen gegeben hatte, kletterten die Matrosen behände über die Wanten auf die Masten. Sie bargen die Topsegel und danach die unteren Großsegel, um dem Wind die Angriffsfläche zu nehmen. Keine Minute zu früh, denn viel schneller als erwartet gaben die schweren Wolken ihre Last frei. Regen peitschte vom Sturm getrieben waagerecht über das Schiff. Wellen türmten sich auf. Die Resolution quälte sich ächzend den Wellenkamm hinauf, um gleich darauf in ein Tal zu stürzen. Der Rudergänger umklammerte das Ruder fest mit beiden Händen. Sein Gesicht war vor Anstrengung verzerrt. Er musste das Schiff auf Kurs halten. Brach es zur Seite weg und stellte sich quer zu den Wellen, würden sie unweigerlich kentern.
Die Hände wie einen Trichter um den Mund gelegt, schrie King Befehle und versuchte das Heulen des Windes und das Donnern aufklatschender Wellen zu übertönen. Sein dunkles Haar hing klatschnass herunter und seine durchweichten Hosen klebten an seinen Beinen. Die Matrosen stützten die Hüften gegen den Mast und balancierten mit bloßen Füßen auf den unter dem Mast angebrachten dünnen Seilen. Dabei fluchten sie unablässig unter der Last des nassen Segeltuchs, das ihnen der Wind immer wieder aus den Händen schlug, bis sie es schließlich festgezurrt hatten. Die Balken des alten Schiffes knarrten. Hohe Brecher schlugen auf das Deck und bald fand das Wasser einen Weg ins Innere. In den Laderäumen stand es bald knöcheltief. Mit grimmiger Miene scheuchte Leutnant John Williamson die Männer der Freiwache aus ihren Hängematten. Kurze Zeit später drang das gleichmäßige Quietschen der Pumpen ins Zwischendeck. Nach einem letzten Rundgang mit seinem ersten Offizier John Gore öffnete Cook die Tür zur Offiziersmesse und schleuderte seinen Hut, begleitet von einem wütenden Schnauben, auf den Tisch.
„Ich bin entsetzt, Mr Gore. Die Werft hat bei der Überholung des Schiffs mehr als schlampig gearbeitet. Wie sollen wir die lange Reise bewältigen? Ich fürchte, die Resolution ist dem nicht gewachsen.“ Mit beiden Händen rieb er sich kräftig durch das Gesicht und schob die nassen Haarsträhnen über seinen Kopf zurück. Seine Haut wirkte bleich. Dunkle Ränder zeichneten sich unter seinen Augen ab.
„Die Männer bekommen viel zu tun, wenn wir am Kap vor Anker gehen. Da wir ohnehin auf Clerke warten müssen, haben wir genug Zeit“, entgegnete Gore nüchtern. Wie sonst auch, wenn ihm eine Sache unabänderlich schien, verzog er bei seinen Worten keine Miene. Cook stieß ein kurzes, freudloses Lachen aus.
„Es fängt nicht gut an, mein Freund“, sagte er und klopfte Gore mit der flachen Hand auf die Schulter. Eine freundschaftliche Geste, die mehr seiner eigenen Beruhigung diente als der von Gore.

Der Sturm tobte sich über dem offenen Meer aus. Er ließ die Männer stöhnen und fluchen und forderte ihre volle Konzentration. Gerade so, als wollte er prüfen, ob die Menschen sich gegen ihn behaupten könnten. Erst einige Stunden später verlor er allmählich an Kraft. Die Wellen wurden flacher und länger und beendeten die rasante Schaukelfahrt der Resolution. Der den ganzen Tag dunkelgrau verhangene Himmel färbte sich mit einsetzender Dunkelheit schwarz und bildete gemeinsam mit der See einen undurchdringlichen Vorhang. Die erschöpften Matrosen zogen sich in ihre Quartiere zurück. Nur die aus wenigen Männern bestehende Wachmannschaft blieb gähnend an Deck. Cook übergab Master William Bligh das Kommando. Bligh war ein strebsamer, intelligenter Mann, dessen ernsthaftes Wesen ihn älter erscheinen ließ, als er war. Daher war er Cook zunächst ungeeignet erschienen für die verantwortungsvolle Aufgabe des Navigators. Doch die Admiralität in London hatte ihn ausdrücklich wegen hervorragender Leistungen empfohlen und Cook hatte sich schließlich einverstanden erklärt, den gerade erst einundzwanzig Jahre alten Offizier anzuheuern. Eine Entscheidung, die er bislang nicht bereut hatte. Bligh erwies sich als fleißig, korrekt und an seinen Leistungen als Navigator konnte er nichts aussetzen. Im Gegenteil. Cook sagte ihm sogar eine große Karriere voraus. Im diffusen Schein einer Öllampe ging er den Niedergang hinab ins Unterdeck. Die Messe war leer. Ein ungewohnter Anblick, gehörte sie doch zu den größten Räumen des Schiffes und diente den Offizieren und Wissenschaftlern gleichermaßen als Aufenthalts - wie Besprechungsraum. Unter einem der Stühle lag ein Bogen Papier. Cook hob ihn auf. John Webber, der Maler, musste ihn hier vergessen haben, da eine Skizze der Messe darauf zu sehen war. Zu Cooks Pflichten gehörte, einen Künstler auf den Reisen mitzunehmen, der seine Eindrücke mit dem Pinsel festhielt, so dass sie später in England für alle als Anschauungsmaterial dienen konnten. Dessen Bilder und die wissenschaftlichen Erkenntnisse und Arbeiten der Offiziere oder - wie auf den beiden vorherigen Reisen - Astronomen und Naturwissenschaftlern, waren die wichtigsten Dokumente der Expedition. Webber fuhr zum ersten Mal zur See. Sicher litt er unter der Seekrankheit bei diesem Wetter und hatte sich in seine Koje zurückgezogen, vermutete Cook mit einem mitleidigen Lächeln. Die Symptome der Seekrankheit konnten einem schrecklich zusetzen und manchen befiel sie immer wieder. Cook öffnete die Tür zu seiner Kajüte. Er fühlte sich erschöpfter, als er sich eingestehen wollte. Und das, obwohl er erst seit wenigen Wochen wieder unterwegs war. Offenbar hatten die nicht enden wollenden gesellschaftlichen Verpflichtungen während seines Aufenthaltes in der Heimat dazu geführt, dass er sich weniger hatte erholen können, als nötig gewesen wäre. Oder lag es an dem Streit mit Elisabeth? Er hatte seine Frau mit einem beklemmenden Gefühl verlassen. Ihr kühler Abschiedskuss und der Vorwurf in ihren Augen waren ihm fest im Gedächtnis geblieben. Cook entzündete den Docht in der Lampe und stellte sie auf seinen Schreibtisch. Er hätte Elisabeth früher beichten müssen, dass er sich, entgegen seinem Versprechen zu einer weiteren Weltumsegelung gemeldet hatte. Das war ein Fehler gewesen. Aber dass er fahren würde, musste ihr von dem Moment an klar gewesen sein, als die Frage, welcher Kommandeur die Expedition befehligen würde, durch London geisterte. Ohne ihren Segen auf diese Reise gegangen zu sein, belastete ihn. Wer konnte schon voraussagen, was alles geschehen würde? Andererseits war Elisabeth eine kluge und verständnisvolle Frau. Bei aller Enttäuschung würde sie am Ende verstehen, warum er nicht anders hatte handeln können. So wie sie es immer getan hatte. Auch aus diesem Grund hoffte Cook, dass die Admiralität einen Weg gefunden hatte, Commander Clerke aus dem Gefängnis zu holen und er mit dem Begleitschiff Discovery rechtzeitig am Kap der Guten Hoffnung eintreffen würde. Cook würde dort so lange auf ihn warten, wie er es verantworten konnte, ohne die Weiterführung der Expedition zu gefährden. Wartete er zu lange, würde er den arktischen Sommer verpassen. Die einzige Zeit, in der das Kreuzen in den Gewässern des Nordens möglich war. Wenn er daran dachte, diese gefährliche Reise womöglich ohne ein Begleitschiff durchführen zu müssen, fühlte er sofort einen leichten Druckschmerz im Oberbauch. Dieses Symptom hatte er von der schweren Erkrankung, die ihn auf seiner letzten Reise befallen hatte, zurückbehalten und sobald ihm etwas große Sorgen bereitete, meldete es sich zuverlässig. Cook setzte sich an seinen Schreibtisch und nahm die Order zur Hand. Dann hielt er inne und lächelte. Wenn sich einer von den Steinen, die ihm in den Weg gelegt wurden, nicht aufhalten ließ, dann war das Clerke. Ohne seine Gesellschaft und Unterstützung konnte Cook sich diese Expedition auch nicht vorstellen. Clerke würde es schaffen. Daran musste er fest glauben. Außerdem würde er Post aus der Heimat mitbringen und sicher wäre ein mit versöhnlichen Worten geschriebener Brief von Elisabeth dabei. Cook faltete die Order auseinander, die die Admiralität ihm mit auf den Weg gegeben hatte. Das rote Wachssiegel auf der Rückseite war von den vielen Malen, die er das Papier bereits in Händen gehalten hatte, spröde und brüchig geworden. Kleine Stücke rieselten auf den Schreibtisch, die er mit einer Bewegung herunterwischte. Dann breitete er das Schriftstück aus und strich es glatt. Seine Augen folgten den Zeilen, obwohl er sie beinahe auswendig kannte.
„Sucht die Nordwestpassage“, lautete die Kernaussage. Ob er sie finden würde? Gab es sie überhaupt? Oder war sie ebenso eine Fantasie wie das große Südland, das er auf seiner ersten Weltumsegelung hatte finden und für England in Besitz nehmen sollen? Und das, wie er herausfand, nur in den Köpfen einiger Wissenschaftler existierte, die niemals englischen Boden verlassen hatten.
Doch wenn es diese Passage gab, musste er sie finden. Um jeden Preis. Was hatten die Entbehrungen der letzten sieben Jahre für einen Sinn, wenn er in den Geschichtsbüchern nur als der Kapitän erwähnt würde, der nichts anderes zuwege gebracht hatte, als die Vermutungen anderer zu widerlegen? Oder der Länder kartografierte, die ein anderer lange vor ihm entdeckt hatte? Cook starrte in das flackernde Licht der Öllampe, bis seine Augen brannten. Schwerfällig erhob er sich von dem Stuhl, zog das Hemd über den Kopf und legte es locker zusammengefaltet auf die Sitzfläche. Die Öllampe hängte er an einen Haken in der Decke, wo sie leicht hin - und herschaukelte. Dann legte er sich in seine Koje und schloss die Augen.

Die Alarmglocke riss ihn wenig später aus tiefem Schlaf. Durchdringend hallte sie über das Schiff - Untergang und Tod verkündend. Cook sprang auf, griff schlaftrunken nach seinem Hemd und streifte es auf dem Weg an Deck über. Die Resolution legte sich hart auf die Seite. Cook stürmte durch die Luke und hörte sofort das unverwechselbare Rauschen einer nahen Brandung.
„Master Bligh, Meldung!“, schrie er.
„Brecher voraus, Sir. Ich habe Befehl zum Beidrehen gegeben“, antwortete Bligh. Trotz der unmittelbaren Gefahr, der sie offenbar gerade entronnen waren, strahlte er Ruhe aus. Er schien alles unter Kontrolle zu haben. Mit aufgerissenen Augen starrte Cook auf die Wellen. Der Mond erschien in einer Wolkenlücke. In seinem Licht sah er weiße Schaumkronen, die sich unweit des Schiffes auf einem Riff brachen. Schweißtropfen bildeten sich auf Cooks Stirn und Oberlippe. Mit einer fahrigen Geste wischte er sie fort.
„Wenn die Gefahrenzone hinter uns liegt, nehmt den alten Kurs wieder auf, Master“, befahl er. Auf seinem berechneten Kurs durfte es dieses Riff nicht geben. Wie konnte ihm so ein schwerer Fehler unterlaufen? Dank Master Bligh waren sie nur knapp einer Katastrophe entgangen. Wie gut, dass er ihn angeheuert hatte. Cook atmete tief ein und aus. Diese Reise stand unter keinem guten Stern.



Mit einem Knall schloss sich die Tür hinter ihm. Das Geräusch hatte etwas Endgültiges.
So soll es sein, dachte Charles Clerke. Niemals wieder wollte er dieses Gebäude von innen sehen. Menschen eilten an ihm vorbei oder schlenderten ins Gespräch vertieft über die pulvertrockene Straße. Eine Frau zerrte schimpfend ein widerspenstiges Kind hinter sich her. Geschrei und Hufgetrappel schien von überall zu kommen. Wie immer um diese Jahreszeit lag stickige Luft wie ein Deckel über London. Kochdünste strömten aus den Fenstern auf die Straße und mischten sich mit dem Geruch von Kloake und dem des staubigen Bodens. Doch jeder dieser Gerüche war besser, als der Gestank, aus dem er kam. Ja, ihm erschien der Geruch beinahe wie eine milde Sommerbrise auf dem Land. Ein Fuhrwerk bog um die Häuserecke und ratterte ihm fast über die Füße. Clerke stolperte einige Schritte zurück. Der scharfe Schweißgeruch der Pferde stieg ihm in die Nase und verflog wieder. Mit einer hilflosen Geste wischte Clerke über seinen verschmutzten Rock. Dreck und der Geruch von Krankheit und Tod hafteten an ihm wie Muscheln am Rumpf eines Schiffes. Die Zeit drängte zwar, aber keinesfalls wollte er in diesem Aufzug sein erstes Kommando antreten.
Er griff in seine Hosentasche, zog die goldene Uhr hervor und klappte sie auf. Die Zeiger standen auf 09.35 Uhr. Clerke umschloss die Uhr fest mit der Hand. Noch immer wunderte er sich darüber, dass die korrupten Beamten sie ihm wieder ausgehändigt hatten. Ihr Verlust hätte ihn sehr geschmerzt, denn die Uhr war ein Geschenk seines Vaters zur Erlangung seines Offizierspatentes bei der Royal Navy gewesen. Seitdem waren viele Jahre vergangen. Ereignisreiche Jahre voller Entbehrungen und Gefahren, aber auch voller glücklicher Momente, die er in England niemals erlebt hätte. All das sollte nun von seinem ersten Kommando gekrönt werden. Er drehte den Kopf und warf einen letzten Blick auf die schwere Holztür in seinem Rücken. Wenn er die zahlreichen, erfolglosen Bemühungen, ihn aus dem Gefängnis freizubekommen, bedachte, waren die Entlassungsformalitäten an diesem Vormittag überraschend schnell verlaufen.
Clerke straffte die Schultern. Die Haft lag hinter ihm. Vorbei. Vergessen. Ab jetzt zählte nur die Reise, die ihn erwartete.
Er schritt energisch aus. Sein Weg führte ihn in die Panton Street, wo er für die Dauer seines Landgangs in London Logis bezogen hatte. Dass der so lange dauern würde, wäre ihm nie in den Sinn gekommen. Eigentlich sollte er mit der Discovery längst unterwegs zum Kap von Afrika sein. Im Gefolge von James Cook.
Vor ihm lag Haymarket. Der Weg, den Clerke normalerweise ging. Aber an diesem Morgen lief er die Straße an den Dockyards entlang. Die Themse floss zäh in ihrem breiten Bett, befahren von zahlreichen Schiffen. Die Docks wimmelten von Werftarbeitern, Schiffseignern, Matrosen und Offizieren und der Hafenlärm drang zu ihm herüber. Clerke blieb stehen. Feuchte, modrige Luft stieg ihm in die Nase und weckte Erinnerungen an knarrende Planken und raschelnde Segel. Es reizte ihn, eines der Schiffe zu betreten und nach Monaten endlich wieder schwankenden Boden unter seinen Füßen zu spüren. Mit Mühe riss er sich von dem Anblick los und marschierte weiter. Bald darauf erreichte er das Haus mit der stuckverzierten Fassade und betrat den Strumpfwarenladen im Erdgeschoss. Die Türglocke klingelte leise. Sofort erschien ein Mann, dessen kugelrund hervorstehender Bauch nicht zu seiner sonst schmächtigen Gestalt passen wollte.
„Guten Morgen, Mr Wyate“, sagte Clerke und deutete eine Verbeugung an.
„Oh, Mr Clerke. Wie schön, Euch zu sehen. Seid Ihr wohlauf? Mit Verlaub, gesund seht Ihr nicht aus. Aber das wird der frische Seewind sicher bald wegblasen“, plapperte Wyate, begleitet von glucksendem Lachen. „Man hat mir angekündigt, dass Ihr heute Morgen freikommt. Gott sei es gelobt. Bis heute unbegreiflich für mich, dass man Euch eingesperrt hat. Nun, wie dem auch sei. Ich habe bereits Wasser angeheizt. Bevor Ihr das Land verlasst, wollt Ihr sicher ein Bad nehmen.“ Eine Hand an das Kinn gelegt, schaute er Clerke von oben bis unten an. „Nein, Ihr müsst ein Bad nehmen. Da seid Ihr sicher ganz meiner Meinung.“ Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, nickte er heftig.
„Wie recht Ihr habt. Ich danke Euch für Eure Weitsicht.“ Clerke schmunzelte und folgte Wyate in den hinteren Teil des Geschäfts, das als Lager und Kontor diente.
„Wie gehen die Geschäfte?“, erkundigte sich Clerke. Wie immer sah der Raum nicht aus, als würde darin gearbeitet, so penibel sauber und aufgeräumt war er.
„Gut, gut. Sie könnten besser sein. Natürlich. Das können sie immer.“ Wyate gluckste wieder. „Aber ich bin zufrieden.“ Er drückte Clerke einen Schlüssel in die Hand. „Ich habe mir die Freiheit genommen, Eure Uniform auszubürsten. Ihr Seeleute habt zwischen Euren Seereisen ja nicht einmal genug Zeit den Fünf-Uhr-Tee einzunehmen. War die Haft sehr qualvoll? Ach, was rede ich. Ich brauche Euch nur anzusehen.“ Sein Kopf ruckte herum, als die Türglocke erneut klingelte. „Ein Kunde. Ihr wisst, wo alles ist.“ Wyate schob Clerke durch eine Tür, die den Laden mit dem Rest des Hauses verband und schloss sie hinter ihm. Leise vor sich hin lächelnd, stieg Clerke die Stiege mit den ausgetretenen Stufen zum ersten Stock hinauf. Bei jedem Schritt knarrte das Holz. Unbemerkt kam hier niemand hinauf. Er betrat sein Zimmer, das auf der linken Seite des Gangs lag. Es sah genauso aus, wie er es verlassen hatte. Seine Uniform hing an der Tür des Schrankes. Kein Stäubchen war auf dem dunkelblauen Stoff zu entdecken. Zudem musste Wyate die silbernen Knöpfe poliert haben, so glänzten sie. Auf dem Bett lagen frisch gewaschene Unterwäsche, Strümpfe und gestärkte Hemden. Auf dem Bettvorleger standen seine Schuhe, so blank poliert, dass er sich beinahe darin spiegeln konnte. Clerke lächelte erneut. Wyate war unbezahlbar. Bevor er ins Nebenzimmer ging, warf er einen sehnsüchtigen Blick auf das bequeme, breite Bett. Das bauschige Kissen und die dicke Steppdecke versprachen erholsamen Schlaf, der ihn die Kälte und Feuchtigkeit des Gefängnisses vergessen lassen würde. Er seufzte. Es würde ihm nicht vergönnt sein, eine Nacht darin zu verbringen. Clerke ergriff die frische Kleidung und ging nach nebenan. Dampf stieg aus der Wanne, die halb verdeckt durch einen Paravent direkt unterhalb eines zweiflügeligen Fensters stand.
Er zog seine Kleidung aus und ließ sie einfach auf den Fußboden fallen. Dann stieg er vorsichtig in das heiße Wasser. Mit einem erleichterten Aufstöhnen schloss er die Augen und genoss die Wärme, die allmählich jeden Winkel seines Körpers erreichte. Die Erschöpfung holte ihn ein und ließ ihn in einen Dämmerschlaf fallen. Bilder erschienen hinter seinen geschlossenen Lidern. Gesichter voller Angst, tote Augen, geschundene Körper. Er spürte wieder den Hunger, der in den Gedärmen wütete und Kälte und Nässe, die in jeden Körperteil krochen. Erschreckt riss er die Augen auf.
„Das ist alles vorbei. Alles vorbei.“ Die gemurmelten Worte und die Gewissheit, in Sicherheit zu sein, beruhigten seinen hämmernden Herzschlag.
Dennoch zitterte er, was auch am zwischenzeitlich kühl gewordenen Wasser liegen mochte. Clerke griff zu Kernseife und Bürste, die Wyate bereitgelegt hatte, und schrubbte seinen Körper, bis seine Haut glühte. Dann tauchte er mit dem Kopf unter Wasser und spülte den Schaum aus seinen Haaren. Anschließend nahm er das große Handtuch, wickelte sich darin ein und stieg aus der Wanne. Die Kleidung duftete nach frischer Seife. Clerke hielt das Hemd dicht vor seine Nase und sog den Geruch ein, der ihn an saubere Zimmer, Helligkeit und die Gemütlichkeit eines Heimes erinnerte. Doch er gönnte sich nur einen Moment der Besinnlichkeit. Das Bad hatte bereits zu lange gedauert. Eilig zog er sich an, band das blonde Haar im Nacken mit einer schwarzen Schleife zusammen und betrachtete sich in dem Spiegel, der vor ihm an der Wand hing. Clerke war nie besonders kräftig gewesen, eher feingliedrig. Doch im Moment sah er magerer und hohläugiger aus, als nach einem Jahr auf See mit Schiffszwieback und Dörrfleisch. Auf dem Weg zu den eisigen Regionen der Erde, dort wo sie die Nordwestpassage finden sollten, musste er noch einiges an Gewicht zulegen, damit Schnee und Eis nicht an seinen Knochen nagten. Die pazifischen Inseln waren der ideale Ort dafür. Sofort begann sein Herz schneller zu schlagen, dieses Mal vor freudiger Erregung.
Clerke ging zurück in sein Zimmer, packte seine Sachen zusammen und warf einen Blick auf die Uhr. Es wurde Zeit. Mit dem Seesack auf dem Rücken betrat er wenig später Wyates Laden.
„Mr Clerke. Das Bad scheint Euch gut getan zu haben. Ihr seht viel besser aus.“
„Ich fühle mich auch viel besser. Herzlichen Dank für Eure Mühe. Ich weiß das sehr zu schätzen.“ Eine Hand auf die Brust gelegt, verbeugte Clerke sich vor ihm.
„Aber, ich bitte Euch.“ Wyate winkte mit einem verlegenen Grinsen ab. „Das mache ich doch gern. Wenn man bedenkt, was hinter Euch liegt.“ Er stockte und fuhr dann eilig fort. „Aber darüber wollen wir nicht mehr reden, nicht wahr? Ich sehe, Ihr wollt England wieder einmal den Rücken kehren. Gute Reise, Mr Clerke. Achtet gut auf Euch.“
„Das mache ich. Vielen Dank und gute Geschäfte.“ Die Männer verabschiedeten sich mit einem Handschlag und Clerke trat hinaus auf die Straße.
Obwohl er darauf brannte, zum Hafen von Portsmouth aufzubrechen, führte ihn sein Weg zunächst einige Straßen weiter zu einem stattlichen Herrenhaus. Zwei Säulen auf quadratischen Sockeln und mit rankenartigen Verzierungen am Säulenkopf, rahmten den Eingang ein. Clerke stieg die vier Stufen zum Eingang hinauf und betätigte den metallenen Türklopfer. Der dumpfe Hall wurde von der schweren Holztür ins Innere übertragen. Kurz darauf öffnete der Butler. Clerke stellte sich vor und bat darum, Joseph Banks zu sehen.
Mit einer einladenden Handbewegung gab der Butler den Eingangsbereich frei. Er führte Clerke in ein mit dunklen, schweren Möbeln eingerichtetes Empfangszimmer. Der Duft von Pfeifentabak und kaltem Kaminfeuer hing in der Luft. Ein an der Längsseite des Raums bis zur Decke reichendes Bücherregal beherbergte neben zahlreichen Büchern auch einige Schaukästen mit aufgespießten Käfern und Schmetterlingen, die Banks von seinen Reisen mitgebracht hatte. Neben dem Fenster hing ein Tapa an der Wand, eines der von den Polynesiern gewebten Tüchern, die mit farbigen Ornamenten bemalt waren und als Kleidungsstücke dienten. Clerke lächelte. Sicher das Geschenk einer der entzückenden Insulanerinnen, mit denen Banks sich die Zeit vertrieben hatte.
„Charles, wie schön Euch zu sehen“, ertönte eine vertraute Stimme in seinem Rücken.
Clerke drehte sich um. Banks kam mit ausgestreckten Armen aus dem Nebenzimmer auf ihn zu, ein breites Lächeln auf dem Gesicht. Die gepuderte Perücke saß perfekt auf seinem Kopf und über Hemd und Weste trug er eine dunkelrote Samtjacke.
„Die Freude ist ganz auf meiner Seite. Ihr glaubt nicht, wie dankbar ich für Eure Hilfe bin. Ich verspreche, meine Schuld so schnell wie möglich zu begleichen“, sagte Clerke, nachdem sie sich herzlich die Hände geschüttelt hatten.
„Das hat Zeit, mein Freund. Das hat Zeit. Ich bin froh, dass ich helfen konnte.“ Banks ergriff Clerkes Schultern und betrachtete ihn mit gerunzelter Stirn. „Eine wahre Schande, Euch in dieses grauenhafte Gefängnis zu sperren. Zusammen mit gewöhnlichem Gesindel. Selbst wenn Ihr schuldig gewesen wärt, kaum ein Aufenthaltsort für einen Gentleman und verdienten Offizier der Krone.“
Clerke zuckte mit den Schultern. „Mein Fehler.“
„Ach, Unsinn“, sagte Banks und unterstrich seine Worte mit einer unwirschen Handbewegung. „Lasst Euch so etwas nicht einreden.“ Sofort glätteten sich seine Gesichtszüge wieder und er lächelte Clerke an. Sein fröhliches, lebensbejahendes Naturell hatte viel zu einer entspannten Atmosphäre an Bord der Endeavour beigetragen und ihnen manch amüsante Stunde beschert. Clerke erinnerte sich mit Freude an die lebhaften Diskussionen am Abend in der Messe. Diese Reise war bislang die interessanteste seiner gesamten Laufbahn gewesen.
„Bleibt Euch Zeit genug für einen ausgiebigen Lunch, bevor Ihr ablegt? Nötig hättet Ihr ein kräftigendes Essen“, sagte Banks im Plauderton, nachdem er Clerke mit kritischem Blick betrachtet hatte.
„Besser wäre es, ich würde mich sofort auf den Weg machen. Jede Stunde, die die Discovery länger vor Anker liegt, schwindet die Chance, Captain Cook am Kap zu treffen. Er darf nicht zu lange auf mich warten, sonst gefährdet er die Expedition.“ Clerke seufzte. „Wie gerne ich jetzt bei ihm wäre.“
„Ihr seid Seemann, durch und durch. Bei Gott, ich habe die Reise mit Cook mehr als genossen. Aber inzwischen bekäme mich kein Mensch mehr auf diese hölzernen Ungetüme, auf denen es entweder glühend heiß oder eiskalt ist und der Boden unaufhörlich schwankt. Ich bevorzuge meinen bequemen Sessel am Kamin und am Abend einen Brandy.“ Sein Lachen hallte von den hohen Wänden wider.
Er ergriff eine kleine Glocke, die auf einem Servierwagen stand und klingelte nach dem Butler, der fast unmittelbar darauf erschien. So als hätte er direkt hinter der Tür gewartet.
„William, es kann aufgetragen werden.“ Er wandte sich Clerke zu. „Ihr bleibt doch.“
Clerke überlegte kurz. Dann nickte er.
„Ich denke, es kann nicht schaden, England mit einem gut gefüllten Magen zu verlassen. Die Kost im Gefängnis spottete jeder Beschreibung.“
Die Männer betraten den mit dunklem Holz vertäfelten Eingangsbereich. Auf dem Boden lagen dicke, in verschiedenen gedeckten Rottönen gemusterte Teppiche, die jeden Schritt dämpften. Das Speisezimmer dominierte ein rechteckiger Tisch, an dem problemlos zwanzig Menschen Platz nehmen konnte. Es gab nur zwei Gedecke, die sich direkt am Kopfende gegenüber lagen. Über dem Tisch hingen drei neunarmige Lüster. Bordeauxfarbene Brokatgardinen bedeckten die Wände neben den Fenstern und erinnerten Clerke an sein Elternhaus. Auch dort hingen schwere Gardinen von der Decke, die im Winter zugezogen wurden, um die Wärme im Haus zu halten. Banks' Haus ähnelte seinem Geburtshaus in Wethersfield, obwohl es deutlich größer war. Wehmut ließ sein Herz für einen Moment schwer werden. Wie gerne hätte er vor seiner Abreise seinen Vater und seine Schwester Sarah noch einmal gesehen.
„Ein Sherry?“, fragte Banks und füllte, Clerkes Einverständnis voraussetzend, zwei Gläser.
„Joseph, mein Lieber. Du hast mir verschwiegen, dass wir einen Gast haben“, ertönte plötzlich eine helle Frauenstimme hinter ihnen.
„Oh, du bist schon zurück.“ Banks machte Clerke mit der jungen Dame bekannt. Ihr dunkles, locker aufgestecktes Haar bildete einen reizvollen Kontrast zu ihrer blassen Haut. Sie trug ein geblümtes Tageskleid mit fest verschnürtem Mieder. Clerke beugte sich über die schmale, cremeweiße Hand, die sie ihm entgegenstreckte, und deutete einen Handkuss an. Der süße Duft ihres Parfüms schmeichelte seiner Nase.
„Ich freue mich, Eure Bekanntschaft zu machen, Mylady“, sagte er.
„Die Freude ist ganz auf meiner Seite. Joseph hat mir viel von Euch erzählt.“ Ihr Lächeln war hinreißend.
„Möchtest du mit uns speisen?“, erkundigte sich Banks und streckte die Hand nach der Glocke aus, um nach dem Butler zu klingeln.
„Nein, nein. Bleibt ihr Männer unter Euch. Sicher habt ihr Geschäftliches zu besprechen.“ Sie lächelte und verschwand so schnell wie sie erschienen war.
Clerke drehte sich zu Banks um. „Sie ist reizend.“
„In der Tat.“ Banks reichte Clerke ein Glas. Der goldbraune Sherry darin zog weiche Schlieren über die Innenseite. „Sie ist nicht nur schön, sondern dazu noch gescheit. Eine anregende Kombination. Ein weiterer Grund, im Lande zu bleiben. Bitte, nehmt Platz.“
Clerke warf noch einen Blick zur Tür. Die wenigen Wochen Landaufenthalt, die ihm bisher zwischen seinen Seereisen geblieben waren, ließen keine Zeit für die nähere Bekanntschaft einer jungen Dame. Das unbeschwerte Leben auf Tahiti kam ihm in den Sinn und die Frauen, denen er dort begegnet war. Ihr Wesen war so offen und freizügig, wie die spärliche Kleidung, mit der sie nur die intimsten Zonen verdeckten. Voller Hingabe hatten sie den Seeleuten so manchen Wunsch erfüllt. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht bei der Erinnerung an leidenschaftliche Nächte unter Palmen. Doch mehr war es nie gewesen. Im Gegensatz zu manch anderem hatte er nie mit dem Gedanken gespielt, auf den Inseln bleiben zu wollen. Zu groß war ihm der kulturelle Unterschied erschienen.
Butler William trat leise ein und servierte das Essen diskret und unauffällig. Das Rindfleisch zerging fast auf der Zunge und die gestampften Kartoffeln schmeckten süßlich. Dazu gab es in Butter geschwenkte Erbsenschoten. Clerke musste sich zusammenreißen, um nicht unmäßig zuzulangen. Schon von dem, was er zu sich genommen hatte, begann sein Magen zu grummeln. An reichhaltiges Essen war er nicht mehr gewöhnt. Nach dem Essen folgte er Banks in das Raucherzimmer.
Als Banks ihm eine geöffnete Kiste mit Zigarren anbot, hob er abwehrend die Hand.
„Ich muss mich wirklich verabschieden“, sagte er ohne Bedauern in der Stimme. „Natürlich. Ich habe mich gefreut, Euch vor Eurer Abreise noch wieder gesehen zu haben.“ Banks drückte Clerke kräftig die Hand, legte die andere Hand darüber und hielt sie fest: „Mein lieber Freund, kommt gesund nach England zurück. Bringt gute Nachrichten mit. Und meine herzlichsten Grüße an Captain Cook.“
Clerke bedankte sich nochmals für Banks Hilfe und versprach, ihm von unterwegs zu schreiben. Ob und wann die Briefe in London eintreffen würden, wusste er jedoch nicht zu sagen. Banks begleitete Clerke zur Tür. Mit leichtem Herzen verließ Clerke das Haus und wenig später die Stadt.

Gegen Mittag des nächsten Tages erreichte Clerke den Hafen von Portsmouth.
Noch bevor die Droschke am Kai zum Stehen kam, sprang er heraus. Eilig entlohnte er den Kutscher. Dann blieb er stehen und sog die salzige Luft ein. Möwen kreischten. Ein Mann trieb einige Matrosen lauthals zur Eile an. Fässer rollten rumpelnd über das Kopfsteinpflaster und verschwanden in den Laderäumen der Schiffe. Vertrauter Boden. Das war sein Leben. Clerke wandte den Blick nach links. Dort lag die Discovery. Wie die anderen Schiffe, mit denen er bereits um die Welt gesegelt war, ein plump aussehendes, ehemaliges Kohlenschiff mit wenig Tiefgang. In seinen Augen eine stattliche Schönheit.
„Mein Schiff“, murmelte er voller Stolz. Dann stürzte er über den Laufsteg an Bord und rief: „Segel setzen und auf nach Capetown.“



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Montag, 6. Februar 2017

Juchhuuu! Die Stallpflicht hat - zumindest in vielen Regionen von NRW - ein Ende!

Als ich heute morgen die  Klappe nach draußen öffnete, gab es großes Gedrängel. Sicher hatten die Hühner Sorge, die Tür in die Freiheit würde gleich wieder herunterlassen. Sekunden später waren alle an der frischen Luft.






Die neuen Perlhühner (deren Einzug ist eine separate Geschichte wert) sausten mit halb aufgestellten Flügeln einmal rund um den gesamten Auslauf. Dabei piepten und krakelten sie herum. Nachdem die Kontrolle abgeschlossen und die Umgebung als sicher eingestuft worden war, pickten sie fröhlich die ersten frischen Gräser.

Jeder Hahn scharte sofort die Hennen um sich, mit denen er schon vor der Stallpflicht eine „Draußen-Gruppe“ gebildet hatte. Im Stall waren diese Gruppen aufgelöst. Dort wurde nur deeskaliert, damit es zu keinen größeren Kämpfen kam. Der älteste Hahn, sechs Jahre alt und ein stattliches rotes Tier, kann die meisten Hennen zu seinem Harem zählen.
Der Deutsche Langschaan (übrigens eine vom Aussterben bedrohte Haustierrasse und daher besonders schützenswert) hat eine kleine Truppe von drei Hennen.





Einer der Junghähne führt die vierköpfige Gruppe, mit der er im letzten Jahr aufgewachsen ist. Und dann gibt es noch einen jungen Hahn, der noch keine rechte Meinung zu haben scheint. Oder er traut sich einfach nicht. Hin und wieder versucht er relativ erfolglos eine Henne abzuwerben. Und dann gibt es noch die Hennen, die sich nicht entscheiden wollen. Die pendeln zwischen dem und dem und suchen sich das beste von allem heraus. Auf einem Hühnerhof lauft alles so wie im wahren Leben.

Die Gänse konnten kaum glauben, dass sie endlich wieder raus dürfen. Langsam schritten sie durch das Gras und blieben immer wieder stehen, den Kopf in die Höhe gereckt. Eine Stunde später hockten sie in ihrem zum Glück bereits aufgetauten Teich und plantschen. Ihre Welt ist wieder in Ordnung. Und meine auch.

Die Stallpflicht ist zu großen Teilen gelockert. Dazu muss man wissen, dass Bio - und/oder Freilandeier nur dann als solche verkauft werden dürfen, wenn die Hühner nicht länger als drei Monate am Stück im Stall verbringen mussten. Diese drei Monate laufen jetzt ab.
"Ein Schelm, der schlechtes dabei denkt".
Aber es macht deutlich, wo die Prioritäten liegen und wie unsinnig die flächendeckende Stallpflicht tatsächlich ist.
Nichtsdestotrotz ist meine Stimmung heute gleich um X-Prozentpunkte gestiegen und ich genieße den Blick auf das zufriedene Federvieh.
So und nicht anders will ich das Landleben.





Montag, 30. Januar 2017

Ein Märchen


Es war einmal vor langer Zeit. Da herrschte König Sieghard gerecht und weise über ein großes Reich. Die Menschen lebten gut von dem, was die Natur ihnen bot. Voll Stolz betrachteten sie die kräftigen und gesunden Kühe auf den Wiesen, deren Kälber fröhlich umher hüpften. 



Schweine suhlten sich in verschlammten Löchern oder an Bächen. Das Geflügel lief frei über die Grundstücke und schenkte ihnen Eier und im Frühjahr eine ganze Schar flaumiger Küken. So oft es ging hielten die Menschen sich draußen auf und genossen die bunten Blumen - und Kräuterwiesen, auf denen Käfer, Bienen und Hummeln brummten, Schmetterlinge von Blüte zu Blüte taumelten und Grashüpfer ein Konzert gaben. Auch die Wälder entlockten den Menschen „Aaaahs“ und „Oooohs“. Laub - und Nadelbäume standen zusammen und gaben sich gegenseitig Halt. Die riesigen Kronen der Laubbäume spendeten Schatten und Sauerstoff und boten unzähligen Tieren Nahrung und Unterschlupf.
An den Wegrändern und auf den Weiden standen Apfel - und Birnbäume. Kirschen, Pflaumen und Mirabellen. Natürlich gewachsene Brombeer - und Himbeerhecken teilten die Felder, auf denen Gemüse und Getreide so üppig wuchs, dass es eine Freude war.

Weil das Land so wunderschön war, zogen immer mehr Menschen dorthin und viele Kinder wurden geboren. Bald waren es so viele, dass klar war, die vorhandenen Nahrungsmittel würden auf Dauer nicht mehr ausreichen. König Sieghard setzte sich mit Wissenschaftlern und Beratern zusammen.
„Ihr müsst Tiere züchten, die mehr Leistung bringen“, sagten die Wissenschaftler. „Wir haben die Lösung. Nehmt die besten Tiere einer Art und kreuzt sie miteinander.“
Das brachte zwar mehr Erträge, aber noch nicht genug.
„Kreuzt Väter mit Töchtern. Das bringt Hochleistung“, sagten die Wissenschaftler.  
König Sieghard zweifelte. „Aber das ist Inzucht. Was das beim Menschen anrichtet, wissen wir. Deswegen ist es verboten. Beim Tier kann das doch genauso wenig gut sein.“
„Unsinn!“ Da waren die Wissenschaftler sich einig. „Gezielt kann man das machen. Außerdem  leben die Tiere nicht lange genug, als dass sich das negativ auswirken würde.“
Die Bauern waren nicht einverstanden. Sie wussten, dass Inzucht die gesunden Linien schwächen und ihre Tiere krank machen würde, und sie weigerten sich. Da erließ König Sieghard ein Gesetz, dass jeder Bauer eine Steigerung an Milch, Fleisch und Eiern von X Prozent im Jahr anbieten musste, damit die Bevölkerung ernährt werden konnte. Ihnen blieb nichts anderes übrig, als sich zu fügen. Eine Behörde wurde gegründet, die festlegte und kontrollierte, welche Tiere miteinander verpaart und welche Pflanzen gekreuzt werden mussten. Die neuen Generationen von Tieren gaben mehr Milch, mehr Eier und mehr Fleisch als jemals zuvor. Alle jubelten und aßen so viel Fleisch, Milch und Eier wie niemals zuvor.

Die Berater sagten: „König, wir müssen effektiver sein. Wir müssen zentralisieren und spezialisieren.“ Bis auf wenige Ausnahmen verschwanden nach und nach Geflügel, Kühe und Schweine von den Höfen. Stattdessen lebten nun in großen Ställen, in die kein Sonnenstrahl fiel und qualvolle Enge herrschte, hochgezüchtete Tiere, die aufgrund der spezialisierten Zucht so schwach und anfällig für alle Arten von Krankheiten waren, dass strengste Hygienevorschriften nötig waren.
Kein Muhen mehr, kein Krähen und Schnattern. Es wurde stiller im Reich König Sieghards.
Plötzlich wurde das Geflügel von einem rätselhaften Virus befallen.
„Die Wildvögel sind schuld“, sagten die Wissenschaftler und der König befahl, dass alle Tiere, die noch draußen lebten, sofort und für alle Zeit  in den Stall mussten, um die anfälligen Tieren nicht zu gefährden. Wer dagegen verstieß, wurde schwer bestraft.  
Das Virus verschwand und alle atmeten auf.

„König, wir müssen produktiver sein, damit wir noch mehr verkaufen können. Mit dem Geld könnt Ihr Krankenhäuser bauen und Straßen und Brücken und Häuser“, sagten die Berater. Da alles im Übermaß vorhanden war, sanken die Preise und die Bauern musste immer mehr Tiere halten, um überleben zu können. Mehr Tiere - mehr Futter. So kippten die Bauern alle vorhandene Gülle auf die Weiden. Nun konnten sie viermal im Jahr mähen, statt nur zweimal. Durch die einseitige Düngung verschwanden nach und nach Blumen und Kräuter und mit ihnen Schmetterlinge, Käfer, Heuschrecken, Hummeln und Bienen. Das Obst wurde rar, weil die Bestäuber fehlten. Die Vögel, die auf die Insekten angewiesen waren, starben aus. Aber das fiel den Menschen nicht auf, weil nun Straßen die Landschaft durchschnitten, auf denen sie schnell mit ihren neuen Autos unterwegs waren. Wälder wurden gerodet, um Platz zu schaffen für Wohnraum. Kinder fütterten nun Computertiere auf ihren Handys und erstellten auf dem Computer Bauernhöfe mit lila Kühen und grünen Schweinen. König Sieghard und seine Königin Sigrun standen auf dem Balkon ihres Schlosses und schauten auf die verödete Landschaft ihres Reiches.
„Das ist so traurig. Meinst du, wir haben das Richtige getan?“, fragte  Sigrun.
„Natürlich“, antwortete Sieghard. „Dafür haben unsere Untertanen jetzt so viel Wohlstand.“
Eines Tages kam das Virus zurück..
„Die  Wildvögel sind schuld“,  wiederholten die Wissenschaftler. Aber die Ställe waren gegen jede Verseuchung von außen abgeschirmt worden. Erste Zweifel kamen auf. Hinter vorgehaltener Hand sprach man darüber, dass womöglich das Futter der Auslöser war, weil alle Abfälle darin verarbeitet worden waren. Oder der viele Mist auf den Feldern. Also tötete man wie zuvor die kranken Tiere, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern. Trotzdem starben die Hühner und dann auch die Gänse, Enten  und Puten. Sie starben so schnell, dass die Wissenschaftler mit der Herstellung neuer wirksamerer Medikamente nicht nachkamen.
Innerhalb kürzester Zeit raffte das Virus das schwache Geflügel dahin, bis es keines mehr gab. Dann mutierte es und befiel nacheinander Schweine und Kühe, bis auch die nicht mehr da waren.

Die Menschen heulten und schrieen nach dem König.
„Was sollen wir essen? Das Getreide reicht nicht für uns alle.“ Das einst so wundervolle Reich König Sieghards versank in Dunkelheit. Kinder hockten vor dem Computer und starrten mit knurrenden Mägen auf die lila Kühe und grünen Schweine. Niemand wusste mehr, wie man sich selbst versorgen konnte. Überall im Reich gab es Kämpfe um die wenige Nahrung.
König Sieghard verbreitete die Nachricht, dass sich jeder, der noch ein Tier im Stall hat, melden sollte und versprach eine hohe Belohnung. Doch niemand erschien. Den Kopf in die Hände vergraben saß er an seinem Schreibtisch und weinte.
„Wenn nicht ein Wunder geschieht, werden wir alle sterben“, sagte er. Sigrun nickte und riet ihm, Kundschafter auszusenden, um das Reich nach überlebenden Nutztieren zu durchsuchen. Das tat er. Und obwohl er inzwischen alt geworden war, führte er die Gruppe an.

Eines Morgens entdeckten sie weit ab versteckt hinter einer Bergkette einen wunderschönen Landstrich. Blumen - und Kräuterwiesen erstreckten sich vor ihnen, auf denen zahlreiche Insekten brummten. Wie verzaubert gingen sie weiter bis zu einem Dorf. Bunte Hühner und prächtige Puten liefen in den Gärten umher, Gänse schnatterten auf den Teichen und  Kühe grasten auf den Weiden. 





Die im Dorf lebenden Menschen erschraken, als sie sahen, wer sie besuchte.
„Keine Angst“, sagte der König. „Sagt, wieso sind eure Tiere so gesund?“
„Weil wir sie achten und so leben lassen, wie es ihrer Art entspricht. Sie laufen an der frischen Luft. Sie fressen das, was ihnen gut tut und nicht das, was man ihnen vorsetzt. Sie paaren sich mit dem, der ihre Nachkommen gesund und stark macht.“
„Wieso habt ihr euch auf meinen Aufruf nicht gemeldet“, fragte der König.
„Weil wir Angst hatten, dass Ihr uns die Tiere wegnehmt und sie dann ebenso krank werden und elendig sterben müssen wie alle anderen.“
König Sieghard versprach, dass genau dies nicht passieren würde. Und so machte er sich mit seinen Kundschaftern, einigen Dorfbewohnern und einem großen Anhänger voller Tiere auf den Rückweg.
Im  Schloss angekommen, entließ er als erstes die Berater und Wissenschaftler. Deren Aufgaben wurden von den Dorfbewohnern übernommen. Die Behörde zur Regulierung und Überwachung der Fortpflanzung der Nutztiere wurde aufgelöst. Alle Ställe wurden umgebaut, so dass jedes Tier seiner Art gerecht leben konnte.
Die Nachkommen der robusten Rassen aus dem Dorf wuchsen heran und vermehrten sich. Eier, Milch und Fleisch gab es nicht mehr im Überfluss, so wie früher. Doch die Menschen hatten verstanden, welch großen Dank sie den Tieren schuldeten und dass sie ohne die Natur nicht überleben können. Von nun an gingen sie achtsam mit dem um, was ihnen geschenkt wurde.

Und wenn sie nicht wieder unvernünftig geworden sind...

Donnerstag, 26. Januar 2017

Meine Ponys genießen zwar Winterpause. Aber ab und an reite ich sie oder mache Bodenarbeit, damit sie nicht einrosten und der Kopf beschäftigt wird. Ein Ausritt im Schnee gehört zu den schönsten Erlebnissen. 
Warme Kleidung ist ein Muss. Dafür habe ich einen dick wattierten Overall, in dem ich ein wenig aussehe wie ein Wombat, und dann steht dem Vergnügen nichts mehr im Weg.
Die Ponys lieben Schnee und Kälte. Die eisklare Luft und der gefrorene Boden wecken möglicherweise Erinnerungen an die isländische Heimat in ihren.

Letzten Sonntag war das perfekte Wetter. Die Sonne strahlte von einem wolkenlosen Himmel und der Schnee glitzerte so stark, dass er uns blendete. 
Mit ihren stämmigen Beinen stapften die Stuten durch den Schnee und ihr dampfender Atem wehte mir und meiner Freundin entgegen.
Munter waren die beiden und wollten die Aufwärmphase im Schritt abkürzen. Da die Wege teils vereist waren, mussten wir sie bremsen. Sobald der Boden es zuließ, durften sie laufen. Sofort fielen sie, ganz nach Isländerart, in einen lockeren Tölt und wir schwebten förmlich durch die Winterlandschaft.
Der pudrige Schnee stob unter ihren Hufen auf und rieselte zurück auf den Boden. Tief atmete ich die frische Luft vermischt mit dem warmen Geruch des Pferdes ein. Die Stuten schnaubten entspannt.
Schritt und Tölt wechselten sich ab. Rehe kreuzten unseren Weg. In den Tannen krächzten Eichelhäher. 
Nach einer Stunde kamen wir zufrieden und entspannt wieder auf dem Hof an. 

Nirgendwo sonst bin ich so ruhig und ausgeglichen wie im Umgang mit meinen Pferden.
Beim Reiten lösen sich Nacken – und sonstige Verspannungen in Nichts auf. 

Wenn das Wetter hält, sind wir nächsten Sonntag wieder draußen.



Freitag, 20. Januar 2017

Ich lebe sehr eng mit meinen Tieren. Mich interessieren ihre Verhaltensweisen, ihre Art, zu kommunizieren und Gemeinschaft zu leben. Dadurch beobachte ich sie natürlich viel und genau und erlebe oft Schönes und Überraschendes.

Unser "Dicker" hat langes, dichtes Fell (s. Foto weiter unten). Bei Schnee bilden sich zwischen seinen Zehen und an den Beinen dicke Schneekugeln. Irgendwann stören sie beim Laufen. Dann legt er sich hin und knabbert sie ab. Vor ein paar Tagen legte sich der kleine Hund dazu und half ihm, die Schneekugeln loszuwerden. Er ging sogar zu den Hinterpfoten und zupfte dort weiter, als er vorne fertig war.
Solche Erlebnisse berühren mich. Sie zeigen mir, mit wie viel Empathie und Verständnis die Tiere miteinander umgehen. Und dass sie mich in diese Gemeinschaft miteinbeziehen ist einfach nur beglückend.

Das, was ich mit meinen Tieren erlebe, inspiriert mich zu den unterschiedlichsten Geschichten.

Hier eine Leseprobe aus (m)einem Kurzgeschichtenbüchlein:  

Das Leben ist ein Hundeplatz 


"Ivo!"
"Ivo!"
Mit weit schwingenden Armen stampfte Julia durch den Wald. Der lange Regenmantel flatterte hinter ihr her, als schaffe er es nicht, mit ihr Schritt zu halten.
Verdammt, wo steckte dieser blöde Hund denn bloß? Julia blieb stehen.
„Ivo, komm jetzt sofort hierher.“ Sie lauschte. Kein Bellen, kein Hecheln, kein Rascheln im Unterholz kündigte Ivo an. Julia schaute auf die Uhr. Fünf Minuten würde sie noch suchen. Keine Sekunde länger.
„Nimm einen Hund aus dem Tierheim. Da sitzen so viele und die sind so dankbar“, hatten ihre Freunde gesagt, nachdem der erste Schmerz über den Verlust ihrer geliebten Kitty abgeklungen war und sie sich hatte vorstellen können, einen neuen Hund in ihr Leben zu lassen.
Julia seufzte. Seit Ivo bei ihr lebte, vermisste sie ihr Cocker Mädchen noch mehr.
Aber im Grunde war sie selbst schuld. Sie hatte sich einlullen lassen von der Vorstellung, eine gequälte Kreatur vor einem grausamen Ende zu bewahren. Im Internet gab es Hunderte von ihnen, wenn nicht Tausende. Der schelmische Blick eines braun gefleckten Rumänen hatte ihre Seele berührt und kurzentschlossen entschied sie, ihn aufzunehmen. Einen gequälten Eindruck hatte Ivo allerdings nie gemacht. Fröhlich und recht gut genährt war er einige Wochen zuvor bei ihr eingezogen. Von Dankbarkeit keine Spur. Er war zwar freundlich, brachte Menschen jedoch nicht mehr als höfliches Interesse entgegen. Ansonsten machte Ivo einfach sein eigenes Ding. Was Julia wollte, ignorierte er.
„Ivo!“ Ein letzter hilfloser Versuch. Ein weiterer Blick auf die Uhr.
Jetzt reicht’s, dachte Julia. Dann such dir doch ein Wolfsrudel, dem du sich anschließen kannst.
Mit zügigen Schritten ging sie zurück nach Hause. Als sie um die Hausecke bog, sah sie Ivo vor der Tür sitzen. Zufrieden und mit unschuldigem Blick.
„Gar nicht so blöd“, dachte Julia. Obwohl sie ihn am liebsten ordentlich zusammengestaucht hätte, schloss sie wortlos die Tür auf und ließ ihn ins Haus. So ging es nicht weiter. Schließlich konnte sie keinen Elefantenzaun um ihr Grundstück ziehen, um zu verhindern, dass er sein gewohntes Straßenleben fortsetzte. Sie brauchte dringend Hilfe.

Wenige Tage später fuhr Julia zu einer Schnupperstunde auf einen Hundeplatz.
Die Hundetrainerin, eine kugelähnliche Mittvierzigerin mit roten Strähnen in den ansonsten recht farblosen Haaren, begrüßte Julia.
„Ich bin Heike. Wir duzen uns alle“, sagte sie und schickte Julia auf die Wiese zu den anderen Teilnehmern.
An der Seite einer jungen Frau schwebte ein Afghane, elegant wie ein arabisches Pferd und so vorbildlich „bei Fuß“, dass Julia ganz neidisch wurde. Beide besaßen Modelmaße und waren blond mit welligem Seidenhaar. Ein Stück weiter wartete eine ältere Frau mit ihrem Rauhaardackel. Der riss bei Ivos Anblick sofort wild an der Leine und kläffte.
Die Besitzerin interessierte sich mehr für ihre Fingernägel, als für das Wutbündel zu ihren
Füßen. 
Das Model blieb stehen, schaute in die Runde, als wolle sie sich vergewissern, ob ihr die Bewunderung aller sicher war und kam dann auf Julia zu.
„Hallo, ich bin Tabea“, sagte sie mit schleppender Stimme. „Und das ist Ivy.“
Julia stellte sich ebenfalls vor und sagte, Ivo käme aus Rumänien.
„Oh, ein Osteuropäer.“ Tabea blickte ein wenig abschätzig auf ihn herab. „Da weiß man nie, was man kriegt. Und ob der nicht von einem dubiosen Hundehändler stammt. Ivy kommt aus einer seriösen Zucht.“ Mit langen Fingern strich sie Ivy eine blonde Strähne über den Augen weg.
Julia bekam einen roten Kopf. Hatte sie womöglich gar kein gutes Werk getan, sondern war der Mitleidsmasche eines zweifelhaften Händlerringes aufgesessen?
„Er kommt aber vom Tierschutz“, stammelte sie.
Tabea winkte ab.
„Die verdienen doch auch nur.  Ivy hat übrigens schon mehrere V‘s. Demnächst soll sie Welpen bekommen.“
„V’s?“, fragte Julia irritiert.
„Vorzüglich. Der Richter war total begeistert von ihrem Aussehen und ihrer Ausstrahlung.“ Sie zog eine Bürste hervor und strich damit das Haar auf Ivys Kopf glatt, das Julias Ansicht nach gar nicht strubblig war.
„Verstehe. Sie ist ja auch sehr hübsch“, erwiderte sie.
Das Gebell des Dackels begann Julia auf die Nerven zu gehen.
„Irene, bring den Peppi zur Ruhe! Sonst zahlst du.“ Heike betrat den Platz mit energischen Schritten. Die angesprochene Irene zerrte den tobenden Peppi zu sich heran.
„Ruhe jetzt, Peppi! Aus! Schluss jetzt! Peppi!“

Heike seufzte tief und verdrehte die Augen. Dann wandte sie sich Tabea zu.
...




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