Land-News

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Sonntag, 13. September 2015

Vor vielen Jahren habe ich mit einem Cassettenrekorder im Wald Vogelstimmen aufgenommen. Die Luft war voll von den unterschiedlichsten Gesängen. Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich unter den Bäumen saß und diesem Chor zugehört und versucht habe, die einzelnen Arten herauszuhören. Schleichend, aber unaufhaltbar, ist es sehr still geworden in unseren Wäldern. Man hört ein paar Meisen, den einen oder anderen Fink. Mit Glück entdeckt man einen Zaunkönig. Das Krächzen von Eichelhähern ist noch die häufigste Vogelstimme.
Doch nicht nur die Singvögel sind verschwunden. Auch die Insektenwelt ist inzwischen erschreckend verarmt. Beides gehört natürlich unmittelbar zusammen.
Sicher wird der eine oder die andere anmerken, dass es doch noch viel zu viele Fliegen und Mücken und anderes "Kroppzeug" gibt.
Das stimmt zwar, ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Fliegen und Mücken finden immer Aas und kleine Gewässer, in denen ihre Larven gedeihen.
Für andere Insekten sieht es dagegen mehr als düster aus.
Früher hörte ich im Sommer überall das Zirpen von Grashüpfern. Ging ich durch eine Wiese hüpften sie vor meinen Füßen auf, Käfer in den verschiedensten Größen, Formen und Farben krabbelten an langen Grashalmen, Schwebfliegen, Bienen, Hummeln sammelten Nektar bei den verschiedensten Wiesenblumen. Schmetterlinge taumelten durch die Luft.
Die Wiese barg hundertausendfaches Leben. Und heute?
Wir leben auf dem Land. Alles um uns herum ist Grün. Aber es ist eine Wüste.
Auf den Weiden wächst nur fettes Kuhgras. Löwenzahn ist die einzige Blume, die für kurze Zeit im Frühjahr Nahrung bietet.
Drei bis vier Grasschnitte im Jahr, die sich mit Gülledüngung abwechseln, unterbrechen den Lebenszyklus der Insekten, von der Larve über die Verpuppung bis zum ausgereiften Insekt. Auf den überdüngten Weiden finden sie keine Nahrung mehr. Weideränder werden gemäht, Wälder aufgeräumt, Hecken vernichtet, weil sie stören.
Unsere Gärten sich "sauber und ordentlich". Das gehört sich schließlich so. Was sagen denn sonst die Nachbarn, wenn wir altes Laub unter den Büschen liegenlassen? Oder nicht sofort jedes verblühte Pflänzchen abschneiden. Dabei dient das Laub Asseln, Tausenfüßern und anderen Bodenorganismen als Nahrung und Unterschlupf. Vögel finden darin auch im Winter noch Nahrung.
Wir pflanzen exotische Blumen, weil sie so toll aussehen. Aber für unsere heimischen Schmetterlinge bieten sie nichts. Die brauchen z.B. Brennnesseln, Doldenblüter, Pflanzen, die - aus Menschensicht- unnütz sind und daher abgemäht werden,  für ihre Raupen.
Selbst in meinem Garten, den ich mit vielen heimischen Arten bepflanzt habe, in dem auch "Unkräuter" ihre Daseinsberechtigung haben, sehe ich jedes Jahr weniger Arten.

Ganz leise sind die Insekten verschwunden. Und das Schlimmste ist, von den Menschen haben es die wenigsten bemerkt. Einige sind sogar froh, dass sich beim sonntäglichen Waldspaziergang
keine kleine grüne Raupe vor ihrem Gesicht abseilt oder in ihrem Kelleraufgang keine Asseln mehr ihr bescheidenes Auskommen suchen.

Mich macht das unsagbar traurig. Unsere Welt ist so arm geworden. Dabei ist es doch die Vielfalt und das Bunte, das das Leben so lebenswert macht.

Wer mag, kann sich einfach mal auf eine Wiese setzen oder am Waldesrand unter einen Baum. Und dann das kleine Fleckchen um sich herum genau betrachten. Ameisen werden zu finden sein. Spinnen vermutlich auch. Falls jemand mehr als zehn unterschiedliche Insektenarten entdeckt, würde ich mich freuen,  wenn er mir schreibt, wo dieser Platz zu finden ist und welche Insekten dort leben.

Und wer einen Garten hat, sollte ein Insektenhotel aufstellen und Fetthenne pflanzen und in einer Ecke ein paar Brennnesseln stehen lassen. Vielleicht findet sich mit der Zeit die eine oder andere Art wieder ein. Und vielleicht kommen dann auch die Singvögel zurück.    .

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