Land-News

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Montag, 30. Januar 2017

Ein Märchen


Es war einmal vor langer Zeit. Da herrschte König Sieghard gerecht und weise über ein großes Reich. Die Menschen lebten gut von dem, was die Natur ihnen bot. Voll Stolz betrachteten sie die kräftigen und gesunden Kühe auf den Wiesen, deren Kälber fröhlich umher hüpften. 



Schweine suhlten sich in verschlammten Löchern oder an Bächen. Das Geflügel lief frei über die Grundstücke und schenkte ihnen Eier und im Frühjahr eine ganze Schar flaumiger Küken. So oft es ging hielten die Menschen sich draußen auf und genossen die bunten Blumen - und Kräuterwiesen, auf denen Käfer, Bienen und Hummeln brummten, Schmetterlinge von Blüte zu Blüte taumelten und Grashüpfer ein Konzert gaben. Auch die Wälder entlockten den Menschen „Aaaahs“ und „Oooohs“. Laub - und Nadelbäume standen zusammen und gaben sich gegenseitig Halt. Die riesigen Kronen der Laubbäume spendeten Schatten und Sauerstoff und boten unzähligen Tieren Nahrung und Unterschlupf.
An den Wegrändern und auf den Weiden standen Apfel - und Birnbäume. Kirschen, Pflaumen und Mirabellen. Natürlich gewachsene Brombeer - und Himbeerhecken teilten die Felder, auf denen Gemüse und Getreide so üppig wuchs, dass es eine Freude war.

Weil das Land so wunderschön war, zogen immer mehr Menschen dorthin und viele Kinder wurden geboren. Bald waren es so viele, dass klar war, die vorhandenen Nahrungsmittel würden auf Dauer nicht mehr ausreichen. König Sieghard setzte sich mit Wissenschaftlern und Beratern zusammen.
„Ihr müsst Tiere züchten, die mehr Leistung bringen“, sagten die Wissenschaftler. „Wir haben die Lösung. Nehmt die besten Tiere einer Art und kreuzt sie miteinander.“
Das brachte zwar mehr Erträge, aber noch nicht genug.
„Kreuzt Väter mit Töchtern. Das bringt Hochleistung“, sagten die Wissenschaftler.  
König Sieghard zweifelte. „Aber das ist Inzucht. Was das beim Menschen anrichtet, wissen wir. Deswegen ist es verboten. Beim Tier kann das doch genauso wenig gut sein.“
„Unsinn!“ Da waren die Wissenschaftler sich einig. „Gezielt kann man das machen. Außerdem  leben die Tiere nicht lange genug, als dass sich das negativ auswirken würde.“
Die Bauern waren nicht einverstanden. Sie wussten, dass Inzucht die gesunden Linien schwächen und ihre Tiere krank machen würde, und sie weigerten sich. Da erließ König Sieghard ein Gesetz, dass jeder Bauer eine Steigerung an Milch, Fleisch und Eiern von X Prozent im Jahr anbieten musste, damit die Bevölkerung ernährt werden konnte. Ihnen blieb nichts anderes übrig, als sich zu fügen. Eine Behörde wurde gegründet, die festlegte und kontrollierte, welche Tiere miteinander verpaart und welche Pflanzen gekreuzt werden mussten. Die neuen Generationen von Tieren gaben mehr Milch, mehr Eier und mehr Fleisch als jemals zuvor. Alle jubelten und aßen so viel Fleisch, Milch und Eier wie niemals zuvor.

Die Berater sagten: „König, wir müssen effektiver sein. Wir müssen zentralisieren und spezialisieren.“ Bis auf wenige Ausnahmen verschwanden nach und nach Geflügel, Kühe und Schweine von den Höfen. Stattdessen lebten nun in großen Ställen, in die kein Sonnenstrahl fiel und qualvolle Enge herrschte, hochgezüchtete Tiere, die aufgrund der spezialisierten Zucht so schwach und anfällig für alle Arten von Krankheiten waren, dass strengste Hygienevorschriften nötig waren.
Kein Muhen mehr, kein Krähen und Schnattern. Es wurde stiller im Reich König Sieghards.
Plötzlich wurde das Geflügel von einem rätselhaften Virus befallen.
„Die Wildvögel sind schuld“, sagten die Wissenschaftler und der König befahl, dass alle Tiere, die noch draußen lebten, sofort und für alle Zeit  in den Stall mussten, um die anfälligen Tieren nicht zu gefährden. Wer dagegen verstieß, wurde schwer bestraft.  
Das Virus verschwand und alle atmeten auf.

„König, wir müssen produktiver sein, damit wir noch mehr verkaufen können. Mit dem Geld könnt Ihr Krankenhäuser bauen und Straßen und Brücken und Häuser“, sagten die Berater. Da alles im Übermaß vorhanden war, sanken die Preise und die Bauern musste immer mehr Tiere halten, um überleben zu können. Mehr Tiere - mehr Futter. So kippten die Bauern alle vorhandene Gülle auf die Weiden. Nun konnten sie viermal im Jahr mähen, statt nur zweimal. Durch die einseitige Düngung verschwanden nach und nach Blumen und Kräuter und mit ihnen Schmetterlinge, Käfer, Heuschrecken, Hummeln und Bienen. Das Obst wurde rar, weil die Bestäuber fehlten. Die Vögel, die auf die Insekten angewiesen waren, starben aus. Aber das fiel den Menschen nicht auf, weil nun Straßen die Landschaft durchschnitten, auf denen sie schnell mit ihren neuen Autos unterwegs waren. Wälder wurden gerodet, um Platz zu schaffen für Wohnraum. Kinder fütterten nun Computertiere auf ihren Handys und erstellten auf dem Computer Bauernhöfe mit lila Kühen und grünen Schweinen. König Sieghard und seine Königin Sigrun standen auf dem Balkon ihres Schlosses und schauten auf die verödete Landschaft ihres Reiches.
„Das ist so traurig. Meinst du, wir haben das Richtige getan?“, fragte  Sigrun.
„Natürlich“, antwortete Sieghard. „Dafür haben unsere Untertanen jetzt so viel Wohlstand.“
Eines Tages kam das Virus zurück..
„Die  Wildvögel sind schuld“,  wiederholten die Wissenschaftler. Aber die Ställe waren gegen jede Verseuchung von außen abgeschirmt worden. Erste Zweifel kamen auf. Hinter vorgehaltener Hand sprach man darüber, dass womöglich das Futter der Auslöser war, weil alle Abfälle darin verarbeitet worden waren. Oder der viele Mist auf den Feldern. Also tötete man wie zuvor die kranken Tiere, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern. Trotzdem starben die Hühner und dann auch die Gänse, Enten  und Puten. Sie starben so schnell, dass die Wissenschaftler mit der Herstellung neuer wirksamerer Medikamente nicht nachkamen.
Innerhalb kürzester Zeit raffte das Virus das schwache Geflügel dahin, bis es keines mehr gab. Dann mutierte es und befiel nacheinander Schweine und Kühe, bis auch die nicht mehr da waren.

Die Menschen heulten und schrieen nach dem König.
„Was sollen wir essen? Das Getreide reicht nicht für uns alle.“ Das einst so wundervolle Reich König Sieghards versank in Dunkelheit. Kinder hockten vor dem Computer und starrten mit knurrenden Mägen auf die lila Kühe und grünen Schweine. Niemand wusste mehr, wie man sich selbst versorgen konnte. Überall im Reich gab es Kämpfe um die wenige Nahrung.
König Sieghard verbreitete die Nachricht, dass sich jeder, der noch ein Tier im Stall hat, melden sollte und versprach eine hohe Belohnung. Doch niemand erschien. Den Kopf in die Hände vergraben saß er an seinem Schreibtisch und weinte.
„Wenn nicht ein Wunder geschieht, werden wir alle sterben“, sagte er. Sigrun nickte und riet ihm, Kundschafter auszusenden, um das Reich nach überlebenden Nutztieren zu durchsuchen. Das tat er. Und obwohl er inzwischen alt geworden war, führte er die Gruppe an.

Eines Morgens entdeckten sie weit ab versteckt hinter einer Bergkette einen wunderschönen Landstrich. Blumen - und Kräuterwiesen erstreckten sich vor ihnen, auf denen zahlreiche Insekten brummten. Wie verzaubert gingen sie weiter bis zu einem Dorf. Bunte Hühner und prächtige Puten liefen in den Gärten umher, Gänse schnatterten auf den Teichen und  Kühe grasten auf den Weiden. 





Die im Dorf lebenden Menschen erschraken, als sie sahen, wer sie besuchte.
„Keine Angst“, sagte der König. „Sagt, wieso sind eure Tiere so gesund?“
„Weil wir sie achten und so leben lassen, wie es ihrer Art entspricht. Sie laufen an der frischen Luft. Sie fressen das, was ihnen gut tut und nicht das, was man ihnen vorsetzt. Sie paaren sich mit dem, der ihre Nachkommen gesund und stark macht.“
„Wieso habt ihr euch auf meinen Aufruf nicht gemeldet“, fragte der König.
„Weil wir Angst hatten, dass Ihr uns die Tiere wegnehmt und sie dann ebenso krank werden und elendig sterben müssen wie alle anderen.“
König Sieghard versprach, dass genau dies nicht passieren würde. Und so machte er sich mit seinen Kundschaftern, einigen Dorfbewohnern und einem großen Anhänger voller Tiere auf den Rückweg.
Im  Schloss angekommen, entließ er als erstes die Berater und Wissenschaftler. Deren Aufgaben wurden von den Dorfbewohnern übernommen. Die Behörde zur Regulierung und Überwachung der Fortpflanzung der Nutztiere wurde aufgelöst. Alle Ställe wurden umgebaut, so dass jedes Tier seiner Art gerecht leben konnte.
Die Nachkommen der robusten Rassen aus dem Dorf wuchsen heran und vermehrten sich. Eier, Milch und Fleisch gab es nicht mehr im Überfluss, so wie früher. Doch die Menschen hatten verstanden, welch großen Dank sie den Tieren schuldeten und dass sie ohne die Natur nicht überleben können. Von nun an gingen sie achtsam mit dem um, was ihnen geschenkt wurde.

Und wenn sie nicht wieder unvernünftig geworden sind...

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