Land-News

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Dienstag, 17. Januar 2017




Wir wollen raus



Obwohl ich nichts dafür kann, weil ich mich einer Verordnung beugen muss, habe ich ein schlechtes Gewissen - jeden Tag, wenn ich zu meinen Tieren gehe. Jedesmal, wenn ich in den verwaisten Auslauf schaue.
Unser Geflügel hat ca. 1000 qm Wiese zur Verfügung mit Bäumen, Sträuchern, Sandkuhlen zum Baden für die Hühner und einen Teich für die Gänse. Die Ställe sind nur Schlaf - und Futterplatz und entsprechend klein.
Gänse sind Weide - und Wassertiere. Sie benötigen Wasser zur Gefiederpflege. Dabei schmaddern und plantschen sie herum, schlagen mit den Flügel, dass es nur so spritzt, damit das Wasser zwischen alle Federn gelangt.



Neben baden und dem Einfetten und Glätten des Gefieders gehört Grasen zu ihrer Hauptbeschäftigung. Stundenlang wandern sie langsam über die Wiese, zupfen hier und rupfen dort. Bei geschlossener Schneedecke gibt es zwar nicht so viel Gras, aber etwas finden sie immer an geschützten Stellen unter Bäumen und Sträuchern. Damit sie derzeit wenigstens ein bisschen an die Luft kommen, haben wir einen Gemüsetunnel gekauft. Der bietet 8 qm (+ 6 qm Stall). Ein Witz an Bewegungsfreiheit also. Es reicht gerade, dass jeweils eine Gans sich ordentlich recken und die ausgebreiteten Flügel schlagen kann, was in etwa den gleichen Effekt hat wie bei uns morgendliches Räkeln im Bett oder Dehnungsübungen zur Lockerung der Muskeln. Nun hocken sie den ganzen Tag herum. Statt einer Badewanne  gibt es nur einen Eimer. Grasen ist nicht möglich. Die Tiere sind nicht beschäftigt und langweilen sich. Bei der letzten Stallpflicht habe ich mehrere Ganter verloren, weil sie sich in der Enge des Stalles nicht ausweichen konnten und anfingen, sich zu bekämpfen. Letztendlich blieb uns nichts anderes übrig, als  alle - bis auf einen - schlachten zu lassen, bevor sie sich gegenseitig umbringen. Mir ist selten etwas so schwer gefallen.
Hühner scharren den ganzen Tag. Sie haben immer zu tun. Bei Langeweile fangen sie an, sich gegenseitig anzupicken, zu hacken oder miteinander zu kämpfen. Ich versuche, sie zu beschäftigen, indem ich Stroh und Futter auf dem Boden verteile und sie so ihrem Bedürfnis zu Scharren nachkommen können. Oder sie bekommen Möhren und Äpfel zum Picken. All das bleibt eine Krücke.
Das ganze hat einen Namen: H5N8 = staatlich verordnete Stallpflicht.
Viren gab es schon immer und wird es immer geben. Tiere mit einem starken Immunsystem erkranken seltener. Das ist eine Binsenweisheit. Natürlich stecken sich einzelne Tiere an und manche sterben auch. Die, die eine Infektion überstehen, sind immun und in ihrem Blut findet man Antikörper. Übrigens ist alleine der Nachweis der Antikörper schon ein Grund zur Keulung. Dabei bedeutet er nichts anderes, als dass eine Infektion durchgemacht wurde, so wie in unserem Körper z.B. Antikörper gegen Windpocken zu finden sind, wenn wir welche hatten. Deswegen stecken wir aber niemanden mehr an.
Die Tiere in Massentierhaltungen sind extrem anfällig. Die Enge, die Wärme, der Stress begünstigen die rasante Vermehrung des Virus. Das Problem ist, dass der Mensch diese Tiere zum Maßstab nimmt und sich somit am schwächsten Glied der Kette orientiert. Aber nicht etwa zum Wohle der Tiere. Die sterben ja sowieso. Ob sie gekeult oder geschlachtet werden, dürfte ihnen herzlich egal sein. Der Gradmesser ist der Profit. Und nur darum geht es. Also müssen wir Hobbyzüchter und Halter unsere Tiere den gleichen krankmachenden Bedingungen aussetzen, um eine (angebliche) weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern.
Mir stellt sich die Frage, wieso ausschließlich Tiere in Massentierhaltung betroffen sind. Diese Tiere leben in hermetisch von der Außenwelt abgeschlossen Ställen, in die kein vorgefiltertes und vorher entseuchtes Lüftchen dringen kann. Wie bitte soll ein Wildvogel dort Überträger sein?
Das Friedrich-Löffler-Institut - als einziges Institut mit der Erforschung der Vogelgrippe betraut - hat nach zehn Jahren Forschung keine andere als die Wildvögel-Theorie? Ziemlich mager und lächerlich. Denn es liegt auf der Hand, dass Menschen selbst  die Ausbreitung der Seuchen. fördern. Weil wir die Tiere unter diesen grauenhaften Bedingungen halten. Weil wir Fleisch und Futtermittel durch die Welt karren. Weil wir weit mehr Gülle und andere Ausscheidungen weit flächig auf unser Land kippen, als der Boden vertragen kann, und, und, und.
Doch das will niemand hören, geschweige zugeben. Müsste man ja was ändern. Wie viel einfacher ist es, den Wildvögeln die Schuld zu geben. Geflügel rein, Stalltür zu - fertig.
Kürzlich las ich die Aussage eines Landwirtes bezüglich der Aufrechterhaltung der Stallpflicht (sinngemäß) "Die Vogelzüge sind zwar längst weg. Aber sie kommen ja irgendwann wieder".
Na, toll. Und im Herbst fliegen sie erneut Richtung Süden. Am besten lässt man sein Geflügel gar nicht mehr raus. Dann kann auch niemand krank werden. Aber ich wette, auch in dem Fall würden die Tiere an irgendwas sterben. Und sei es aus Langeweile.

Ich habe schon daran gedacht, mit der Geflügelhaltung aufzuhören. So habe ich einfach keine Freude daran. Ich möchte den Tieren doch das Leben bieten, dass ihnen gebührt.
Aber wozu lebe ich dann auf dem Land? Und wenn ich aufhöre, gibt es wieder einen weniger, der diesem Irrsinn der industriellen Tierhaltung echtes Leben mit Tieren entgegensetzt. Der alte Rassen erhält und somit (Gen)Vielfalt. Wie arm und farblos wäre die Welt ohne Langschaan, Deutsches Lachshuhn, Wyandotten, Sulmtaler, Orpington, Vorwerk, Haubenhühner, Brahma, Sussex, Niederrheiner Gelbsperber, Sundheimer, Lakenfelder, Barthühner, ...
ohne Lippegänse, Leinegänse, fränkische Landgänse, Emdener, Diepholzer, ...
ohne Bronzeputen, Ronquieres-Puten und Cröllwitzer, ...

Also - Weitermachen und darauf hoffen, dass ein Gedanke sich verbreitet:
Freilandhaltung macht Tiere nicht krank, sondern erhält sie gesund.  

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